Heute war ich mit meinen Gedanken sehr weit weg. Auch wenn das Kollegen und Kinder nicht gemerkt haben. Ich war in Gedanken bei der Beerdigung meines Großonkels. Der Letzte von 3 Geschwistern, die jetzt alle verstorben sind. Er wurde heute in Frankreich beerdigt und mich hat es innerlich zerrissen, weil ich mir geschworen hatte, im Fall der Fälle alles möglich zu machen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Das ist aber leider leichter gedacht als getan. Immerhin liegen da mehrere tausend Kilometer und Arbeit und Familie dazwischen. Und so kam es, dass ich nur in Gedanken dabei sein konnte. Warum, werden sich jetzt einige Fragen, ist das jetzt so schlimm?

Dazu muss ich weiter ausholen.

Wie schon gesagt, waren es einmal 3 Geschwister: meine Oma, meine Großtante und mein Großonkel. Alle drei waren herzensgute Menschen und große Vorbilder für mich. Sie haben bis kurz nach Kriegsende im Osten gewohnt. Mein Großonkel hat unter hohem Risiko russischen Soldaten geholfen in den Westen zu gelangen. Irgendwann wurde es aber auch für ihn brenzlig, so dass er selbst fliehen musste. Da niemand wusste warum er geflohen war, beschloss meine Großtante als Älteste, ihm nachzufahren und ihn zu suchen. Es gab wohl einen Verwandten hier in Düsseldorf, an den sie sich wenden wollte. Letztendlich landete sie in Aachen und ist dort zeitlebens geblieben. Mein Großonkel hat wohl erst im Tagebau in Alsdorf gearbeitet und ist dann irgendwann zur Fremdenlegion gegangen. Meine Oma ist bei uns geblieben (naja uns gab es zu der Zeit ja noch nicht), und konnte nur noch den Kontakt zu meiner Großtante halten. Mein Großonkel wurde erst als vermisst, und dann als verstorben bezeichnet. Als er selbst versuchte Kontakt herzustellen, wurde ihm von der Stasi gesagt, dass das Rathaus mit den Archiven abgebrannt wäre und man ihm keine Adresse seiner Familie geben konnte.

Nach dem Fall der Mauer, probierte er es wieder und fuhr in seinen Geburtsort. Dort traf er einen Schulfreund, der ihm dann die Telefonnummer meiner Oma gab. Es war an einem Freitag den 13. als er nach mehr als 40 Jahren wieder in das Leben meiner Oma trat. Aus diesem Grund sage ich immer, dass Freitag der 13. bei uns in der Familie ein Glückstag ist.

Das Unglück nahm ein paar Jahre später seinen Anfang. Meine Oma musste zusehen, wie ihre Tochter an Krebs starb. Ich war in diesem Moment mit ihr allein am Todesbett meiner Tante. Kein Elternteil dieser Welt, sollte jemals sein Kind zu Grabe tragen.

Ein paar Jahre später, starb meine Oma dann selbst an Krebs.

Im Oktober diesen Jahres, kurz vor ihrem 98. Geburtstag, starb meine Großtante.

Und am letzten Samstag nun mein Großonkel. Er war der Jüngste der 3 Geschwister. Ich werde ihn genauso vermissen, wie die anderen beiden.

Wir haben uns auf Grund der Entfernung leider nur selten sehen können. Aber die Wärme und Güte, die er mit seiner Frau zusammen jedes Mal ausstrahlte, spüre ich heute noch. Als wir vor 2 Jahren zu Besuch waren, haben wir die Freude in ihren Augen gesehen, als sie unsere Kinder beim spielen beobachteten. Sie behandelten sie, wie ihre eigenen Enkelkinder und das mit einer Selbstverständlichkeit, die mir immer noch nahe geht. Ich hätte noch so viel von ihm lernen können. Jede Geschichte, die er uns erzählt hat war spannend. Verglichen mit seinem, ist mein Leben so geradlinig und langweilig, dass es schon fast peinlich ist. Auch wenn wir uns nur sehr selten gesehen haben, war da doch immer ein Gefühl von Familie. Deshalb schmerzt es mich um so mehr, dass ich heute  nicht dabei sein konnte, um zusammen zu trauern, Erinnerungen auszutauschen, Trost zu spenden und gemeinsam mit seiner französischen Familie Abschied zu nehmen.

Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit zusammen gehabt. Ich hoffe, dass wir uns alle irgendwann auf der anderen Seite wieder sehen.

Danke für alles.

Ruhe in Frieden.

 

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